Im Sommer 1992 entstand mit der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde eine Partnerschaft zwischen der Gemeinde Deggenhausertal und der ungarischen Gemeinde Csaszartöltes (Tschasartet), die als außergewöhnlich bezeichnet werden kann.
Erste Annäherungsversuche der Gemeinden gab es bereits 1988, also in einer Zeit, als Deutschland und ganz Mitteleuropa noch durch den „Eisernen Vorhang“ geteilt waren.
Eine ein halbes Jahrhundert währende Teilung, so musste man annehmen, hinterlässt Spuren bei den Menschen, Spuren die wir kennen- und verstehen lernen wollten.
Aber trotz unterschiedlicher Entwicklung und trotz unterschiedlicher Systeme – Eines wurde relativ schnell klar: Auch nach 250 Jahren in einer fremden Umgebung entspach die Mentalität dieser Menschen, die Mentalität der Donauschwaben, immer noch der unseren. Wir lernten Verwandte kennen!
Das Fehlen einer Sprachbarriere erleichterte zusätzlich den Kontakt. Dadurch entstand eine Partnerschaft, die alle Schichten der Bevölkerung erfasste. Hunderte von Bürgern beider Gemeinden haben zwischenzeitlich Freundschaften geknüpft, die in ihrer Intensität und Herzlichkeit einmalig sind. Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht Deggenhausertaler Familien oder Vereine ihre Freunde in Ungarn besuchen oder umgekehrt.

Der damalige Bürgermeister der Gemeinde Tschasartet, Stefan Wiedner, und der Bürgermeister der Gemeinde Deggenhausertal, Knut Simon, unterzeichnen
am 24. Mai 1992 die Partnerschaftsurkunde
Die sprichwörtliche Gastfreundschaft und die Herzlichkeit, die einen in der Partnergemeinde umgeben, haben einen ganz entscheidenden Beitrag zu dieser intensiven Partnerschaft geleistet.
Wir, die wir geprägt sind vom täglichen wirtschaftlichen und sozialen Konkurrenzkampf, der für Gastfreundschaft und Herzlichkeit wenig Platz lässt, konnten und können in dieser Beziehung vieles von unseren ungarischen Freunden lernen.
Auf der anderen Seite mussten unsere Freunde die Erfahrung machen, dass der Wohlstand in einer sozialen Marktwirtschaft hart erkämpft werden muss.
Kontakte mit Menschen anderer Länder zu knüpfen ist wichtig, um ab und zu über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen, andere besser zu verstehen und dabei selbst etwas zu lernen.
Als Pauschaltourist in einer Bettenburg wird man dies nie erfahren.
Wir denken, mit unserer Gemeindepartnerschaft leisten wir einen wertvollen Beitrag zum gemeinsamen Haus Europa.
Die Gemeinde Császártöltés /Tschasartet
Tschasartet ist ein Dorf in Süd-Ungarn, zwischen der Donau und der Tisza in der Nähe von Kiskörös gelegen.
Diese Region wurde während der Türkischen Herrschaft weitgehend entvölkert und verwüstet. Während der Herrschaft Maria Theresias schlug Erzbischof Patasich Gabor vor, dieses verwüstete Land erneut zu bevölkern.
Die heutige Ansiedelung wurde 1744 durch deutsche Siedler gegründet. Sie kamen über die Donau mit Flößen aus ihrer angestammten Heimat in Oberschwaben, um ihr Glück zu versuchen und ein besseres Leben in einem neuen Land zu finden.
Aber erst die Nachkommen hatten Aussicht auf eine bessere Zukunft, denn die ersten Siedler fanden bei ihrer Ankunft nur ödes Sumpfland vor.
Sie mussten neben dem Bau von Häusern Sümpfe trockenlegen und die Sandbänke der Tieflandebene kultivieren.
Aber auch die nachfolgende Generation hatte hart um ihren Lebensunterhalt zu kämpfen.
Mit beispiellosem Fleiß verwandelten die deutschen Siedler die Einöde in einigen Generationen jedoch in eine blühende Siedlung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zwangsausgebürgert, kehrten die meisten nach dem Krieg nach Tschasartet zurück. Dies beweist, dass sie hier inzwischen ihre Heimat gefunden hatten.
Tschasartet ist heute ein Dorf mit 3200 Einwohnen, 80 % davon haben deutsche Vorfahren. Lediglich 20 % sind ungarnstämmig. Die meisten dieser Ungarn wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei zwangsumgesiedelt.
Kinder lernen die deutsche Sprache im Kindergarten und dann in der Grund- und Hauptschule, also insgesamt über 15 Jahre.
Das Zusammenleben von Deutschstämmigen und Ungarn gestaltet sich äußerst harmonisch. Große Hilfsbereitschaft und ein enger Zusammenhalt charakterisieren das Gemeindeleben.
In Tschasartet stehen ca. 950 Wohnhäuser. Die meisten davon sind neueren Datums. Aber auch historische Gebäude findet man vereinzelt in der Gemeinde.
Blick in eine Weinkeller-Straße
So viele Wohnhäuser es gibt, so zahlreich sind auch die Weinkeller, die einfach in den Lehmboden gegraben wurden. Ein Ring von Kellern umgibt das ganze Dorf.
Die Einwohner von Tschasartet leben entweder vom Weinbau oder betreiben ihn als wichtiges Zubrot. Ihr Leben dreht sich um den Wein, der hier äußerst wohlschmeckend ist.
Die Wein-Anbaufläche beträgt 950 ha. Eigentümer sind der Staat, Landwirtschaftskooperativen und Privatpersonen.
40 % der Gemeindefläche sind Wald. Eigentümer ist der Staat; die Forstverwaltung obliegt den staatlichen Forstbetrieben.
Der Rest des Gemeindegebiets besteht aus Ackerland, Wiesenflächen und Weideland. Diese Flächen werden von einer Landwirtschaftskooperative und einem staatlichen Hofgut verwaltet.
Zum Teil werden Rinder, Schweine und Geflügel im Dorf gehalten.
Wer nicht in der Landwirtschaft arbeitet, hat eine Arbeitsstelle in der örtlichen Textilfabrik, in der Industriekooperative oder in einem der ansäßigen Dienstleistungsunternehmen.
Im Vergleich mit anderen ungarischen Dörfern ist die wirtschaftliche Lage in Tschasartet stabil. Sauberes Trinkwasser, eine funktionierende Müllbeseitigung und geteerte Straßen sind selbstverständlich, die Häuser werden mit Erdgas beheizt.
80% der Einwohner haben die Möglichkeit das örtliche Dorfprogramm sowie 8 weitere ausländische Kanäle im Fernsehen zu empfangen.
Die örtlichen Einrichtungen funktionieren gut:
Kinderpflegestätten, Kindergärten, die Grundschule, der Gesundheitsdienst, das Tagesheim für ältere Menschen und das Kulturzentrum sind wichtige Infrastruktureinrichtungen in der Gemeinde. Ältere Leute, die nicht mobil sind, werden mit einem Kleinbus in die Tagesstätte gebracht. Hier bekommen sie auf Wunsch volle Verpflegung.
Neben Grundschule und Gymnasium gibt es ein Freibad und ein Sportgelände mit Tennisplatz.
Ein psychotherapeutisches Zentrum und ein Labor tragen zum medizinischen Service bei.
Eine Trachtentanzgruppe und eine Blaskapelle sind fester Bestandteil des kulturellen Lebens.
Das politische System nach dem Zweiten Weltkrieg verursachte Resignation und Lethargie bei den Menschen. Gebäude verfielen und die Umwelt wurde zerstört.
Erst die Liberalisierung der politischen Lage brachte eine Entspannung der Situation der Menschen. Mehr und mehr von Ihnen begannen damit, sich wieder zu engagieren. Sie bauten ihre alten Häuser wieder auf oder errichteten neue. Sie legten Parks an, pflanzten Bäume und bauten in ihren Gärten Obst und Gemüse an.
Die Garten- und Wiesenlandschaft um Tschasartet wird völlig durch das Klima beeinflusst. Das Klima ist kontinental. Entsprechend gibt es heiße, regenlose Sommer. Die Leute pflanzen deshalb Obstbäume in ihren Vorgärten. Überwiegend sind dies Sauerkirschbäume, die im Frühjahr herrlich blühen. Infolge des regenlosen Sommers sehen die Vorgärten, insbesondere im Frühjahr und Herbst, einfach prächtig aus.
Die Menschen im Dorf haben sehr hart für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Somit bleibt ihnen nur wenig Zeit zur Erholung. Für eine sinnvolle Freizeitgestaltung wurden ein Fischteich und ein wunderschöner Waldpark angelegt. Dadurch sollen auch Arbeitsplätze für die Menschen geschaffen und gleichzeitig die Umwelt geschützt bzw. regeneriert werden.
Umweltschutz ist oberstes Gebot in Tschasartet. Dazu gehört auch der Grundwasserschutz, denn der Grundwasserspiegel liegt sehr tief. Das Trinkwasser wird aus 200 m Tiefe gefördert. Zur Zeit werden Pläne für eine Abwasserreinigung ausgearbeitet und auch der Abfall wird inzwischen sortiert. In Planung sind auch weitere Parks und die Intensivierung des Naturschutzes.
Der Ausbau des Tourismus wird ebenfalls angegangen. Die ersten Schritte sind bereits gemacht. Die Menschen im Dorf werden immer sensibler für die Wichtigkeit einer intakten Umwelt. Ökologische Methoden in der Landwirtschaft breiten sich aus. Man benutzt weniger Chemikalien für Boden und Pflanzen.
Vor fast einem halben Jahrhundert waren die Tschasarteter Bürger ein Beispiel für Heimatliebe, heute sind sie ein Vorbild für den Umgang mit ihrer Heimat und der Natur. Und sie sind glücklich, dies in einer demokratischen Ordnung tun zu dürfen.